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Der Zweck meines restlichen Leben

Das ist was Herr Shibata, Gründer der Gruppe, dem Blogverwalter, Herr Tachibana, telefonisch mitgeteilt hat. Dadurch ist es eher umgangsprachlich und etwas ungeordnet.

3/11/2011

Als die Erde bebte, befand ich mich im Ishinomaki-Kultur-Zentrum, ein Ort etwa fünf Minuten zu Fuß von mir zu Hause entfernt. Ich habe gerade an Cloisonnés gearbeitet, die ich als Stecker für meine Mal- Klasse vorbereiten wollte.

An diesem Tag sollte ich um vier Uhr eine Klasse in Watanoha (Stadtteil von Ishinomaki) betreuen. Dafür habe ich mich vormittags vorbereitet und wollte bis drei Uhr daran arbeiten. Zwei Uhr fünfzig. Da kam das Beben.

Es war heftig. Etwa die Hӓlfte der Öfen für meine Cloisonnés fielen herunter. Ich dachte, oh nein, es bricht ein Feuer aus! Ich muss sofort den Strom ausschalten! Dann ging es von selber aus. Alles Mӧgliche fiel von selbst runter.

Dann hab ich nach draußen geschaut und der Flusstand des Kitakami-Flusses sank und sank. “Verdammt!“, schoss es mir durch den Kopf, “Sofort fliehen!“ Wir haben uns fürs erste bei uns zu Hause in der Familie Shibata versammelt.

Mutter war noch zu Hause und stand herum. Ich habe meine ӓltere Schwester gebeten, sie zur Kadowaki-Grundschule zu bringen. Wir hatten schon vorher abgemacht, dass unser Zufluchtsort die Kadowaki- Grundschule sein soll.

Ich bin ins Auto gestiegen und habe den Leuten in unserer Gemeinde zugerufen, dass sie fliehen sollten. Ein Auto, das uns entgegenkam, blinkte wild mit der Fernleuchte. Hinter diesem Auto sah man schon die riesige Tsunami-Welle entgegenkommen.

Wir sind sofort in Richtung Fluss gefahren. “Fliehen!“ Sofort haben wir gewendet und sind weg. Eilig sind wir in die Kadowaki-Grundschule geflohen. Just hinter uns kam schon der Tsunami.

Viele Autos waren noch hinter uns und zahlreiche Autos der Geflohenen waren im Schulhof geparkt. Aus der Richtung des Schulhofs kam der Tsunami. Ich habe den Leuten um mich herum “Achtung, fliehen!“ zugerufen und musste so schnell rennen, wie noch nie in meinem Leben. Das war kein Wasser, was da auf uns zukam, sondern Trümmer und Hӓuser.

Um die hundert Autos wurden zwischen den Trümmern und dem Schulgebӓude zerquetscht. Benzin floss aus den zerdrückten Autos, dazu kam Feuer und überall gab es Explosionen. Ich bin die Treppe neben dem Schulhaus hinaufgerannt. Das Wasser, oder besser gesagt die Trümmer, reichte bestimmt bis zum ersten Stock des Schulgebӓudes. Der Eingang war nicht mehr nutzbar wegen der Autos und dem Berg von Trümmer.

In Wirklichkeit waren die Schüler der Kadowaki-Grundschule schon zum Hiyori-Berg geflohen, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich dachte, meine Familie sei noch in der Kadowaki-Grundschule und habe versucht, auch jene Leute zu retten, die im Schulhaus eingesperrt waren.

Der Eingang war versperrt vor lauter Autos und Trümmern. Die zerquetschten Autos brannten. Das Feuer erreichte auch das Schulgebӓude, in dem wir waren, aber durch den Haupteingang konnte man nicht hinausraus. Hinter der Kadowaki-Grundschule gibt es einen Kliff. Zwischen dem Kliff und dem ersten Stockwerk des Schulgebӓudes gab es einen Spalt von zirka einem Meter. Junge Menschen sprangen zum Felskliff hinüber. Aber für ӓltere Menschen, die zu wenig Kraft haben, war dieser Fluchweg nicht begehbar. Ich habe von der Schule ein Brett geholt und eine Brücke gebaut und diese alten Menschen auf die Felsseite hinaufgezogen.

Hinter der Schule gibt es einen Friedhof. Wenn man den Friedhof durchquert, erreichte man eine Treppe, die ich mit aller Kraft hinaufgerannt bin. Durch den Friedhof und zur Treppe. Etwa vierzig bis fünfzig Stufen waren das.

Im Schulhaus waren etwa fünfzig Leute eingesperrt. Ich habe jungen Leuten “Helft mir bei der Rettung!“ zugerufen. Die Rettung findet hinter der Kadowaki-Grundschule statt. Ältere Leute haben schon Mühe, die Brücke zu überqueren. Ältere Leute kӧnnen teils nicht gehen. Ich befahl ihnen, “Geht! Wir müssen überleben!“

Von der Grundschule kam Feuer und Rauch. Noch nie in meinem Leben habe ich den älteren Menschen so respektose Worte gesagt.

Doch da sie nicht weiterkommen, entsteht hinten ein Stau. Verdammt, wir müssen schnell raus und schnell voran, sonst kӧnnen die Menschen von ganz hinten nicht raus.

Omas die nicht gehen kӧnnen habe ich auf meinem Rücken getragen, rausgeholt und bis zur Treppe hinaufgebracht.

Nach der Treppe geht es ein Hang hinauf. Bis dorthin trug ich sie und gab sie an andere weiter. Dann wieder zurück zum Kliff. Und das immer wieder.

Einer, dessen Bein zwischen einem vorbeigeschwemmten Auto und einem Schulhaus zerklemmt und abgerissen war, habe ich auch transportiert. Auf dem Berg gab es einen Kindergarten. Bis dort brachte ich ihn. Da kein Ambulanzwagen kommen kann, bat ich darum, ein Auto für den Transport der Person zu finden.

Das Mobilfunknetz war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zusammengebrochen. Ich habe diesen einzelnen Leuten geholfen und vielleicht über zehn Personen auf meinem Rücken transportiert. Es hat geschneit in Ishinomaki. Alle, die in der Kadowaki-Grundschule waren, konnten letztlich evakuiert werden. Nach dem alle gerettet wurden, haben wir eine Stimme vom Schulhof gehӧrt: “Hilfe!“

Ich bin auf den Trümmerberg gestiegen und habe gerufen: “Wo bist du?“ “Hier! Hier!“ sagte die Stimme und ich bin den Rufen gefolgt. Ich wollte nicht gehen, aber man konnte nicht anders. Ich bin zu ihnen gegangen. Das Feuer wurde immer schlimmer.

Es konnte jeden Moment in der Umgebung explodieren. Zu Hilfe bin ich gegangen. Eine Dame sagte: “Meine Bettdecke …“ … und DAS in dieser Situation! Halts Maul! Hab ich ihr gesagt. Ich habe eine Tante, von oben bis unten durchnӓsst aus den Trümmern geholfen.

In der Kadowaki-Grundschule waren keine Schüler da. Meine Familie war auch nicht da. Ich dachte, sie waren zu spӓt geflohen. Ich fühlte mich im Abgrund nahe. Ich dachte: “Jetzt bin ich ganz allein.“ Meine Familie ist weg. Niemand kann ersetzt werden, aber ich wollte umso mehr den Leuten um mich herum helfen.

Ich hӧre Schreie vom Kindergarten, oben bei der Treppe. Unter dem Kliff, auf einem Dach eines weggeschwemmten Hauses inmitten von Trümmern und zusammengestürzten Hӓusern sind Leute. Von unten droht Feuer. Hilfe! rufen sie. Alleine kann man nichts machen.

Mit anderen Geflüchteten zusammen, holten wir ein Seil, sind nach unten gegangen. Der Eingang, zusammengestürzt. Von nirgends kommt man rein. Seitlich des Kliffs kamen Leute, um zu helfen. Sie sind auf den Trümmern gelaufen, versuchten den Leuten vom ersten Stock aus zu helfen.

Es waren etwa zehn Leute, die wie in diesen Fall zu spӓt geflohen sind.

Allen, die ich sehen konnte, habe ich versucht zu helfen. Eine schwere Oma haben wir zu zweit gehoben.

Ich habe gemerkt, dass meine Hand blutete. Ich hatte mich wohl irgendwo verletzt. Kein Schmerz. Kein Zweifel bestand aber, dass es mein eigenes Blut war.

Überall gab es Explosionen. Dann gab es Feuer und der Brand weitete sich aus. Die Hӓuser, wo wir geholfen haben, brannten eines nach dem anderen.

Es war gut, dass wir zumindest jene, die wir hӧren konnten, nicht einfach in Stich ließen. Sicher waren noch Leute da in den Trümmern. Das wusste ich. Ganz sicher waren sie da.

Es war aber unmӧglich noch mehr zu helfen. Ich musste sie absichtlich übersehen. Ich habe einfach nur den Leuten geholfen, die vor mir waren. Auf der anderen Seite des Feuers, inmitten der Trümmern… wenn das meine Familie gewesen wäre … ich wäre dennoch wohl hingegangen … Aber ich konnte keine fremden Leute mehr retten. Innerhalb von zwei, drei Stunden entstand ein Meer aus Feuer. Ich sag zu mir selber, es ist OK. Ich habe zumindest den Leuten hier helfen kӧnnen. …aber kein Zweifel waren noch mehr Leute da in diesem Feuermeer. Noch viele, sehr viele.

Etwa drei Stunden nach der Hilfsaktion wurde es dunkel und endlich kamen die Feuerwehrmӓnner. Ich war erleichtert. Nun kӧnnen sie meine Stelle übernehmen. Es war für mich nun unmӧglich, in diesem Feuermeer durch die Trümmer weiterzumachen.

Ach ja, als wir das Feuer zu lӧschen versuchten, kam jemand aus den Trümmern im Feuer herausgerannt.

Diese Person war auf ein Dach gestiegen und der Welle entgangen, danach über die Trümmer geklettert und zu uns gekommen. Ich habe sie zur städtischen Oberschule Ishinomaki gebracht. Beim Empfang dort konnten wir einige Infos bekommen, und ich habe Genaueres über die Kinder der Kadowaki-Grundschule erfahren.

Demnach sollen sie in Richtung Hiyori-Berg geflohen sein. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als ich diese kleine Nachricht hӧrte. Ich dachte, sie waren alle vom Tsunami verschlungen worden. Doch immer noch wusste ich nicht, wo meine Familie war. Ich bin Richtung weniger zerstӧrter Stadtteile gegangen. “Bitte helfen Sie!“ kam uns jemand entgegen. Es soll jemand auf ein Dach geflohen sein und konnte nicht mehr runter. Das stimmte nicht. Jenes Gebӓude hatte eine Mauer, die die Wucht des Tsunami abschwächte und den Körper auf das Dach wuchtete. Jene Person war nicht geflohen; sie war schon tot. Es war mein Augenarzt.

Mit einem Seil haben wir ihn hinuntergeholt. Und dann transportiert. Sechs Erwachsene haben ihn getragen. Er war schwer. Wir haben ihn zu der Straßenseite gebracht, wo es nicht so auffӓllig ist.

“Es tut mir so Leid Sie hier abzustellen, Herr Doktor! Entschuldigen Sie bitte, dass die Decke so dreckig ist. Dass alles so nass ist.“ Ich sah Schneeflocken vom Himmel fallen.

Danach habe ich mich zwei Feuermӓnnern angeschlossen und habe mit ihnen versucht, den Brand von Hinten zu lӧschen. Dann durfte ich für eine Stunde wechseln und bei den Feuermӓnnern Pause machen.

Wir haben zu dritt zusammen gearbeitet. Während der Pause bei den Feuermӓnnern hatte mich geschӓmt. Draussen liegt Schnee und es ist extrem kalt. Hauptberufliche Feuerwehrmӓnner geben uns Acht und lassen uns in der Nӓhe der Heizungs sitzen. Es muss ihnen genauso schrecklich kalt sein. Aber wir stehen ihnen im Weg. Sie haben uns sogar von ihrem wertvollen Wasser etwas geteilt. Ich habe mich geschӓmt.

Darum habe ich den Obmann der Feuerwehr gefragt: “Ich kann das nicht mehr durchhalten. Ist es nicht besser wenn wir als normale Leute zurücktreten und nicht allen im Weg stehen?“ Aber der Vorstand hat nicht ja gesagt. In diesem Moment habe ich beschlossen, aufzuhӧren. Nur diese eine Nacht habe ich mitgemacht. Am Morgen bin ich zum Hiyori-Berg gegangen. Ich wusste, dass ein Freund, Dai, dort ist. Ich habe mich mit Dai getroffen. Er hat mich in seinem Auto etwas rasten lassen. Ich habe von Dai erfahren, dass sich meine Familie bei einem Bekannten in Akebono befindet. Das erste Mal nach der Katastrophe habe ich mich wieder als Lebender gefühlt.

Sofort wollte ich den Berg hinrunter und auf den Weg zu ihnen machen. Da merkte ich dass der Berg von Wasser umgeschlossen war. Die Wassertiefe war so etwa von der Schulter bis zur Hüfte; etwa so, wie der Graben einer Wasserburg. Im Wasser waren auch viele Autos.

Kein Handyempfang. Ich war offline. Ich konnte auch keinen Kontakt zu Freunden in Tokyo aufnehmen.

Und nun als ich wieder zurück auf dem Berg war, das war aber wirklich Zufall, sah ich meinen Neffen und meine Nichte und meine Schwester vor mir gehen! Da sprang ich aus dem Auto und rief: “Akari! Yuki!“ Am Morgen fand sich unsere Familie endlich wieder zusammen. Da wir dachten, dass es zu viel sei, bei der Bekannten zu Hause zu bleiben, wo der Rest meiner Familie zwischenzeitlich untergekommen war, sind wir zur Ishinomaki Oberschule gegangen, einem amtlichen Zufluchtsort.

Im Notunterkunft gab es kein Wasser und keine Lebensmittel. Nur eine Heizung gab es. Was wurde am ersten Tag als Lebensmittel verteilt? Stell mal vor, ein Reiskeks pro Person. Ich glaube es gab auch Wasserflaschen.

Aber es war warm und das allein war für uns schon eine riesige Erleichterung. Es gab auch keine Decken also lagen wir auf dem nackten Boden. Die Nacht vom 12. März haben wir dort verbracht. Am 13. wurden kalte Currysoßentüten verteilt.

Keine Mӧglichkeit es aufzuwӓrmen. Zehn Portionen im Ganzen. Und wir sind 200 Menschen. Innerhalb meiner Familie haben wir diese kleine Mahlzeit sorgsam geteilt. Sonst gab es ein bisschen Süßigkeiten, vor allem für die Kinder.

Familie Shibata, meine Familie, hatte eine Notfallstasche dabei und so hatten wir etwas Kekse und Schokolade. Darum verzichteten wir auf die verteilten Süßigkeiten. Zu diesem Zeitpunkt fehlte es in Ishinomaki an jeglichen Kommunikations- und Transportmӧglichkeit. Eingesperrt.

Die Stadtverwaltung hatte Katastropheninformationen gesammelt. Sie hatten wohl schon vorher keine Ahnung denke ich, aber sie konnten einfach nichts tun. Sie warteten immer auf Anweisungen.

Die Beamten hatten keine Ahnung. Alle dachten, dass ich zwischen den Beamten und Bewohnern verhandeln würde. Essensrationen sortieren oder verteilen, pro Person drei Tofu Stücke, und solche Sachen. Die Beamten gaben solch stupide Anweisungen, weil sie dazu angehalten wurden, besonders viel Wert auf Gleichheit zu legen. Die Rationen mussten also so verteilt werden, dass es zu keinem Streit kommt.

Zwei oder drei Tage habe ich das ganze betreut und wurde schließlich von einem anderen abgelöst, der diesen Job machen würde. Älter und erfahrener als ich. Ich habe ihm meine Rolle überlassen.

Etwa eine Woche nach dem Erdbeben. Das vom Tsunami gebliebene Wasser zog etwas ab. Man konnte nun etwas besser zu Fuß gehen. In der Notunterkunft, in die wir geflohen sind, gab es natürlich noch keinen Strom. Ungeputzte Zӓhne. Baden konnten wir auch nicht. Abends wird es etwa um sechs Uhr dunkel, und wir kӧnnen nichts machen, ausser zu schlafen. Auch wenn man schlӓft, wacht man abends so um zehn auf und kann nicht mehr schlafen. Man kann nichts tun auch wenn man wach ist. Man hat einfach Zeit, und kann nichts tun. Wenn es tagsüber regnet, kӧnnen wir auch nicht nach draußen gehen. Abends hat man nichts zu tun. Man isst, trinkt Wasser. Platz zum Schlafen haben wir. Ich wollte skizzieren und malen und ging auf den zerzausten Straßen. Mir wurde schlecht. Ich konnte einfach nicht zeichnen. Nun, was soll ich mit dem Rest meines Lebens machen? Ich, der Maler und Künstler, kann ja nicht einmal zeichnen! Was kann ich tun?

WAS KANN ICH TUN? Dann fiel mir was ein: Ich gründe eine Malgruppe oder so und helfe Kindern.

Es gab zu diesem Zeitpunkt auch endlich wieder Handyempfang, und ich konnte mit Herrn Tachibana (der Betreuer des Blogs) in Tokyo reden. Ich fragte ihn, ob er mich bei dieser Gruppe unterstützen könne und ob er Material schicken kӧnnte.

Die Straßen waren noch immer kaputt und die Logistik funktionierte nicht.

Es gab eine Konferenz von Vertretern der Zufluchtsorte. Da habe ich meine Idee mit der Nachsorge für Kinder in die Runde geworfen. Einer der Vertreter, Herr Takahashi, hat zugestimmt. “Hӧrt sich gut an.“ Ich beschloss einfach mal loszulegen.

Ich bin in die naheliegenden Nachbarhӓuser der Notunterkunft vorbeigegangen und die Bewohner gefragt, ob sie für dies und jeniges Farbstifte, Kugelschreiber oder Papier für uns hӓtten. Bei der Sammelaktion haben mich die Kinder Ryoko, Yuki und Akari unterstützt.

Eigentlich will ich den Kindern, die zu mir zur Zeichnenklasse kamen, Malunterricht geben. Doch das kann ich jetzt nicht. Das, was ich machen konnte aber war, den Kindern der Notunterkunft Malunterricht zu geben.

Zu dieser Zeit wurde es für uns wieder mӧglich, die aktuellen Tageszeitung zu bekommen. Darin waren Anzeigen, wo und wie sich welche Leute befanden. Zwei Kinder meines Malunterrichts waren gestorben. Ein Kind war vermisst. Ich habe immer noch Kinder, von denen ich nichts gehört habe. Traurig. Unglaublich traurig. Mein Kollege aus dem Kurs für Kendo (Schwertkunst) ist auch gestorben.

Auf der anderen Seite, gab es Kinder, die von irgendjemandem erfahren haben, dass ich noch lebe und die mich kontaktieren wollten. Und aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, für die zusammen Verbliebenen und für die, die jetzt am Leben sind, darunter auch die Geflüchteten, für diese Leute zu leben. Lasst und alle leben!

Ja, für diesen Zweck mӧchte ich mein Leben verbrauchen! So will ich mein restliches Leben nutzen, dachte ich mir, und ich bin hier.

Was ich tun soll. Ich will jetzt, dass die “lebenden Menschen in Ishinomaki“ weiterleben. Ich mӧchte, dass sie auch für das Leben der Gestorbenen weiterleben.

Das ist ”Der Zweck meines restlichen Lebens” hat Herr Shibata mir erklӓrt. Dann hat er mir weiter auf das Telefon gesprochen.

Die jetztige Situation von Ishinomaki: Keine Arbeit. Keine Wohnung. Keine Familie. Schwarze Zukunft. Die Stadtverwaltung sagt nichts. Man sieht kein Licht.

Normale Menschen kӧnnen nicht selber handeln. Am Ende warten sie einfach auf etwas. Jemand anders oder der Staat wird etwas machen, denken sie.

Vorhin habe ich Tachibana ja gesagt, dass ich gerade eine wütende E-Mail geschrieben habe. Jemand, den ich nicht gut kenne, wollte, dass ich zeichne.

Was? Wir haben nichts, und ich fühle gar nicht dazu fähig, zu zeichnen! Jene Person bat mich darum, zu malen und sie würde mir Farbe und eine Leinwand im Großformat schicken. Was für ein Quatsch. Wo soll ich das denn hinstellen? Wo habe ich den Platz zum Malen?

Ich will jetzt gar nicht malen. Wenn ich wieder malen mӧchte, dann male ich. Ach, hӧr doch auf, mir viel Geld zu bieten und gütig aussehen zu wollen!

Ich verstehe nicht, was jetzt in Ishinomaki los ist. Ausser, dass ich von der Katastrophe betroffen bin, weiss ich nichts. Man kann nicht mehr an die Zukunft denken. Alle sind besorgt. Wie müssen handeln.

Die Stadtverwaltung ist am schlimmsten. Unfassbar. Ich bin ja einigermassen selbststӓndig. Doch es gibt immer noch Leute um mich herum, die denken, die Stadt macht etwas für sie. Diesen Leuten muss man aufklären, dass dem nicht so ist.

Die Leute von der Stadtverwaltung hatten bis jetzt immer Arbeit. Sie werden weiterhin Gehalt haben. Sie sind verbeamtet. Und was sagen die? Sie haben zu wenig Personal? Jetzt werden aus ganz Japan Waren geschickt, z.B. Sachen, die nicht mehr gebraucht werden.

Wir mӧchten alles wieder aufbauen. Wir mӧchten Arbeit! Wir wollen alle arbeiten, aber kӧnnen nicht. Wir mӧchten in Ishinomaki bleiben. Wir bitten nicht um Waren. Wir wollen Arbeit für den Wiederaufbau. Das ist es, wie wir fühlen.

Das Stadtamt hat uns drei Ehrenamtliche vorgestellt. “Was habt ihr denn bis jetzt gemacht?“, fragte ich mich. Man muss sich bei den Stadtbeamten brav und dankend verbeugen und sie mit Lob überhäufen. Dieses Gefühl ist unertrӓglich. Und wohin mit diesen Gefühlen?

Acht Tage nach dem Erdbeben habe ich mich erstmals gebadet. Himmlisch!

Meine Schwester hatte ihr Haus noch stehen. Der Stadtteil Akebono, wo sie wohnt, war innerhalb von Ishinomaki eines der weniger zerstӧrten Orte. Strom und Wasser gab es dort. Am neuten Tag habe ich zum ersten Mal wieder meine die Zӓhne geputzt. Ein Freund von mir hat gestern zum ersten Mal gebadet, nach über drei Wochen. Seine Nachbarn in der Notunterkunft aber haben es sofort bemerkt. Er hatte es sich zwar schon gedacht und sich extra nicht rasiert. “Deine Haare sehen heute aber frisch aus.“, sagten sie, ha ha ha.

Nach zwei Wochen habe ich erstmals wieder Bier getrunken. Nach einer 350ml Dose war ich KO. Wahnsinnig gut hat es geschmeckt. Ich war dann wahnsinnig betrunken.

Echt mühsam waren die Kontaktlinsen. Meine Brille war ja weggeschwemmt. Meine waren Wegwerfkontaktlinsen, und am zweiten Tag habe ich schon gemerkt, dass ich sie nicht so weiter anhaben kann. Ich verzichtete danach einfach auf die Kontaktlinsen. Am zehnten Tag konnte ich endlich nach Sendai. Da habe ich mir eine Brille machen lassen.

Written by Kodomo Hinanjo Club.

Translated by Masako Tsuno and Johannes Wilhelm.

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